Kostüme aus dem Schauspiel „Tango“

Premiere: 20.06.2021,

Kostümbild: Sandra Linde/Dorien Thomsen

von Renate Schwietert (ehemalige Leitung der Kostümabteilung des Theater Aachen)

Die während der Pandemie entstandene Vorstellung, ein von der Realität vollständig abgetrenntes Leben zu führen, inspirierte das Regieteam von „Tango“ ein Jahr nach dem Lockdown zu der Idee eines großen Playback-Puppentheaters: Schauspieler*innen, die wie Puppenspieler*innen im Inneren ihrer eigenen Puppenkörper stecken und diese als von ihnen selbst losgelöste Avatare auftreten lassen. Sie verliehen ihren Figuren die zuvor im Studio aufgenommenen Stimmen sowie artifizielle, mechanische Bewegungen. So entstand ein Ausdruck, der merkwürdig starr, künstlich – eben puppenhaft – wirkt.

Nicht nur die acht Darsteller*innen, sondern auch zusätzlich vier Schaufensterpuppen trugen  wattierte Ganzkörperkostüme, die Nacktheit auf groteske Weise überzeichneten. In dieser erzwungenen Dauerentblößung werden der Voyeurismus und die sexualisierte Übergriffigkeit einer abgewirtschafteten kulturellen Elite thematisiert, die ihren eigenen Verfall/Untergang zelebriert und der nachfolgenden Generation nur noch den Abgrund des Faschismus als Ausweg lässt. Der 60 Jahre alte Text erhält dadurch eine beklemmende Aktualität.

Die Figurinen zeigen männliche und weibliche Körper mit teilweise grotesken Überzeichnungen. Als Ausgangspunkt für jedes Kostüm wurde bei einem Hersteller für Tanz- und Ballettbedarf ein passgenaues Trikot bestellt. Darauf modellierten die Schneider*innen mit Polyesterwatte – Schicht für Schicht wurden Körperformen aufgebaut und mit Handstichen fixiert.

Was einfach klingt, erwies sich aber als komplex: Immer wieder wurde das Trikot über die Schneiderbüste gezogen, um zu prüfen, ob die Aufpolsterungen die gewünschte Form ergaben und ob die Nähte die Dehnbarkeit des Materials nicht beeinträchtigten. Da Schneiderbüsten jedoch nur Standardmaße abbilden, funktionierte das Trikot an der realen Person – vor allem in Bewegung – oft ganz anders. So waren für jedes Kostüm mindestens drei Anproben notwendig und auch noch bis zur Premiere wurden fortlaufend Korrekturen vorgenommen.

Abb.: Kostüme zum Schauspiel „Tango“ während des Fertigungsprozesses (Foto: Renate Schwietert)

Abb.: Figurinen zu dem Schauspiel „Tango“ (Foto: Theater Aachen)

Abb.: Bühnenfoto des Schauspiels „Tango“ (Foto: Theater Aachen)